Weiterlernen mitten im Leben: Warum Neugier keine Frage des Alters ist

Lernen gehört nicht nur in Schule, Studium oder Ausbildung. Es kann auch später im Leben etwas öffnen: einen neuen Gedanken, eine überraschende Fähigkeit oder einen Teil von uns, für den lange wenig Zeit war.

Von der Sagenhaft-Redaktion  ·  Öffentlicher Magazinbeitrag

Manche Wünsche bleiben erstaunlich geduldig. Sie melden sich beim Vorbeigehen an einer Buchhandlung, beim Zuhören in einem Gespräch oder wenn wir jemandem zusehen, der etwas mit sichtbarer Freude tut. Dann denken wir: Das würde ich auch gern können. Kurz darauf folgen oft die Einwände: keine Zeit, zu spät, zu kompliziert – und außerdem war ich darin noch nie besonders gut.

Warum wir Lernen so oft mit Jugend verbinden

Unser Bild vom Lernen ist stark von Schule, Ausbildung und Studium geprägt. Dort gab es Stundenpläne, Prüfungen, Noten und feste Zeiträume. Lernen war etwas, das man absolvierte, bevor das „eigentliche“ Berufsleben begann. Wer später noch einmal Anfängerin wird, hat deshalb leicht das Gefühl, hinterherzuhinken oder etwas nachholen zu müssen.

Dabei ist Lernen im Erwachsenenalter kein verspäteter Ersatz für frühere Bildung. Es erfüllt andere Aufgaben. Manchmal hilft es beruflich weiter, manchmal schafft es Orientierung in einer veränderten Welt. Und manchmal ist sein Wert viel persönlicher: Wir entdecken eine Fähigkeit, verstehen ein Thema genauer oder erleben uns wieder als neugierig und beweglich.

Erwachsene lernen nicht ohne Voraussetzungen – sondern mit Erfahrung

Mit den Jahren verändert sich, wie leicht bestimmte Informationen aufgenommen und verarbeitet werden. Das Arbeitsgedächtnis oder die Geschwindigkeit beim Abrufen können sich anders anfühlen als früher. Daraus folgt jedoch nicht, dass sinnvolles Lernen irgendwann endet. Erwachsene verfügen über etwas, das jüngeren Lernenden häufig noch fehlt: einen großen Vorrat an Erfahrungen, Begriffen und Zusammenhängen, an den neues Wissen anknüpfen kann.

Wer beispielsweise ein digitales Programm lernt, bringt vielleicht bereits Kenntnisse über Arbeitsabläufe, Kommunikation oder Gestaltung mit. Wer eine neue Sprache beginnt, weiß längst, wie Gespräche funktionieren, wie man Fragen stellt und welche Lernwege einem liegen. Neues steht nicht allein im Raum. Es verbindet sich mit vorhandenem Wissen – und genau diese Verbindung kann Lernen tief und bedeutsam machen.

Das Gehirn bleibt veränderbar – aber Lernen ist kein Wundermittel

Auch im Erwachsenenalter kann das Gehirn auf neue Anforderungen reagieren. Das wird häufig unter dem Begriff Neuroplastizität zusammengefasst. Diese Fähigkeit ist real, sollte aber nicht als Versprechen missverstanden werden, mit ein paar Übungen ließe sich jede altersbedingte Veränderung verhindern oder rückgängig machen.

Eine breit angelegte wissenschaftliche Übersicht zur Bildung und kognitiven Entwicklung über die Lebensspanne zeigt ein differenziertes Bild: Bildung steht mit höherer kognitiver Leistungsfähigkeit im Erwachsenenalter in Zusammenhang, hält den altersbezogenen Rückgang aber nicht einfach auf. Der gute Grund weiterzulernen liegt deshalb nicht in einem Kampf gegen das Alter. Er liegt darin, Fähigkeiten zu erweitern, Selbstständigkeit zu erhalten, Zusammenhänge zu verstehen und das eigene Leben aktiv mitzugestalten.

Neues Können entsteht durch aktive Auseinandersetzung

Lesen, Zuhören und Zuschauen können inspirieren. Eine neue Fähigkeit entsteht jedoch meist erst dann, wenn wir selbst etwas tun: eine Melodie spielen, eine Kamera einstellen, einen Satz in einer fremden Sprache bilden oder ein unbekanntes Werkzeug verwenden. Dabei sind Fehler keine Störung des Lernens, sondern ein Teil davon.

Im sogenannten Synapse-Projekt lernten ältere Erwachsene über mehrere Monate anspruchsvolle neue Tätigkeiten wie digitale Fotografie oder Quilten. Die Ergebnisse deuteten auf Vorteile für bestimmte Gedächtnisleistungen gegenüber weniger anspruchsvollen Vergleichsaktivitäten hin. Daraus lässt sich keine allgemeine Garantie ableiten. Die Studie macht aber sichtbar, dass gerade die längere, aktive Beschäftigung mit einer wirklich neuen Herausforderung bedeutsam sein kann.

Entscheidend ist also nicht, möglichst viele Inhalte zu konsumieren. Hilfreicher ist ein Vorhaben, bei dem wir üben, Rückmeldungen erhalten und nach und nach etwas können, das vorher noch nicht möglich war.

Neugier muss nicht sofort vorhanden sein

Manchmal warten wir darauf, dass uns ein Thema von Anfang an begeistert. Doch Interesse kann wachsen. Ein erster Einblick führt zu einer Frage, die Frage zu einem kleinen Erfolg und dieser Erfolg zu dem Wunsch, genauer hinzusehen. Lernen darf deshalb auch mit einem vorsichtigen „Das könnte mich interessieren“ beginnen.

Ebenso normal ist, dass ein Thema seine Anziehung verliert. Nicht jedes begonnene Buch, jeder Kurs oder jede Idee muss zu Ende geführt werden. Eine Entscheidung gegen etwas kann ebenfalls ein Lernergebnis sein: Jetzt weißt du mehr darüber, was zu dir passt – und was nicht.

Wenn Zeit knapp ist, braucht Lernen eine passende Größe

Viele Erwachsene scheitern nicht an mangelnder Fähigkeit, sondern an einem Vorhaben, das im wirklichen Alltag keinen Platz findet. Wer Beruf, Familie, Haushalt, soziale Beziehungen und Erholung miteinander verbindet, kann nicht so lernen, als gäbe es daneben nichts anderes.

Statt „Ich möchte Spanisch lernen“ kann der erste Schritt heißen: In den nächsten vier Wochen lerne ich, mich vorzustellen und in einem Café zu bestellen. Statt „Ich muss endlich digitaler werden“ könnte das Ziel sein: Ich wähle ein Programm und löse damit eine konkrete Aufgabe. Ein begrenztes Projekt schafft einen sichtbaren Anfang und ein erreichbares Ende. Danach darf entschieden werden, ob es weitergeht.

Auch kurze Einheiten können tragen, wenn sie regelmäßig stattfinden. Zehn konzentrierte Minuten sind nicht wertlos, nur weil eine Stunde schöner wäre. Gleichzeitig braucht anspruchsvolles Lernen manchmal längere ungestörte Phasen. Es geht nicht um eine perfekte Methode, sondern um einen Rhythmus, der zum Thema und zum eigenen Leben passt.

Der innere Anspruch lernt oft mit

Erwachsene wissen, wie Kompetenz aussieht. Gerade deshalb kann es unangenehm sein, am Anfang langsam, unsicher oder unbeholfen zu sein. Wir vergleichen unseren ersten Versuch mit dem Ergebnis von Menschen, die seit Jahren üben. Oder wir erwarten, etwas sofort zu verstehen, weil wir in anderen Lebensbereichen längst erfahren sind.

Anfängerin zu sein nimmt vorhandene Kompetenz nicht weg. Es erweitert sie. Hilfreich ist eine andere Frage als „Bin ich gut darin?“: „Kann ich heute etwas, das ich vor einer Woche noch nicht konnte?“ Dieser Vergleich bleibt bei der eigenen Entwicklung und macht kleine Fortschritte sichtbar.

Lernen darf einen Zweck haben – und zweckfrei sein

Lebenslanges Lernen wird häufig mit Anpassung verbunden: neue Technik, veränderte Berufe, zusätzliche Qualifikationen. Diese Seite ist wichtig. Die OECD betont, dass Lernmöglichkeiten über das gesamte Leben hinweg nötig sind, damit Menschen auf gesellschaftliche und berufliche Veränderungen reagieren können.

Aber nicht jedes Lernen muss die eigene Verwertbarkeit erhöhen. Eine Frau darf Kunstgeschichte lesen, ohne daraus ein Zertifikat zu machen. Sie darf töpfern, weil sich Ton gut in den Händen anfühlt, Astronomie entdecken, weil der Himmel sie interessiert, oder eine Sprache lernen, weil sie den Klang liebt. Wissen und Können dürfen das Leben bereichern, auch wenn sie weder im Lebenslauf noch auf dem Konto erscheinen.

Gemeinsam lernen heißt nicht, im gleichen Tempo zu lernen

Eine Gruppe kann den Anfang leichter machen. Andere stellen Fragen, auf die wir selbst nicht gekommen wären. Sie zeigen, dass Unsicherheit normal ist, und manchmal trägt ein fester gemeinsamer Termin durch die Phase, in der die erste Begeisterung nachlässt.

Damit das gelingt, braucht es eine Atmosphäre ohne Beschämung und unnötigen Wettbewerb. Niemand sollte beweisen müssen, wie viel Vorwissen sie mitbringt. Gute Lernräume erlauben unterschiedliche Tempi, praktische Versuche und Fragen, die noch nicht präzise formuliert sind.

Eine Frage reicht für den Anfang

Du brauchst keinen vollständigen Bildungsplan. Vielleicht reicht zunächst eine Frage: Was würde ich gern besser verstehen? Was möchte ich einmal selbst herstellen, erklären oder anwenden können? Welches Thema zieht meine Aufmerksamkeit immer wieder an?

Wähle daraus einen kleinen nächsten Schritt: ein Gespräch, eine Einführung, einen Workshop, ein Buchkapitel oder eine erste Übung. Nicht um dich neu zu optimieren, sondern um herauszufinden, ob du weitergehen möchtest.

Sagenhaft möchte solche Anfänge möglich machen: mit Masterclasses, Wissensimpulsen und Mitgliedern, die eigene Kenntnisse teilen können. Nicht jede Frau muss dasselbe lernen. Aber jede darf einen Ort finden, an dem Neugier ernst genommen wird – unabhängig davon, wann sie auftaucht.

Was möchtest du lernen, wenn Alter und Leistung für einen Moment keine Rolle spielen?

Vielleicht ist deine erste Frage bereits der Anfang.

Quellen und Weiterlesen

OECD (2021): OECD Skills Outlook 2021: Learning for Life. OECD Publishing, Paris. https://doi.org/10.1787/0ae365b4-en

Lövdén, M., Fratiglioni, L., Glymour, M. M., Lindenberger, U. & Tucker-Drob, E. M. (2020): Education and Cognitive Functioning Across the Life Span. Psychological Science in the Public Interest, 21(1), 6–41. https://doi.org/10.1177/1529100620920576

Park, D. C. et al. (2014): The Impact of Sustained Engagement on Cognitive Function in Older Adults: The Synapse Project. Psychological Science, 25(1), 103–112. https://doi.org/10.1177/0956797613499592

Hidi, S. & Renninger, K. A. (2006): The Four-Phase Model of Interest Development. Educational Psychologist, 41(2), 111–127. https://doi.org/10.1207/s15326985ep4102_4